|
Ein Tröpflein Geschichte
Immer wieder muß ich denken An die schnell verflossenen Jahre. Etwas will ich sie beschreiben, Denn sie scheinen mir wie Tage.
Uns're Vorfahren in Preußen Lebten jahrelang in Frieden, Preußens Herrschaft dies Entrüstet, Denn sie dachten nur an Kriegen.
Und um hier fort zu reisen, schauten sie nach Westen weit, Half kein Planen, nur erkennen, Daß der Ozean zu breit.
Und nun schauten sie nach Osten Wo das Land in Frieden lag, Unbegrenzte lange Strecken, Boten Leben Tag für Tag.
Rußlands Herrschaft hieß willkommen Unseren Großvätern ins Land, Mitte neunzehnten Jahrhunderts Zogen sie an Kondurtschs Strand.
Altsamara hieß die Siedlung, Bauten Kirche, bauten Haus, Nördlich von der Stadt Samara, Gottes Segen bleib nicht aus.
Reicher, wunderbarer Boden, Schenkte Vieh, Getreide, Brot. In die Zukunft dankend schauend, Niemand kannte das Wort" Not ".
Doch es kamen schwere Jahre, Kriegsgeschrei und Hungersnot. War so vieles zu bekämpfen, Trugen alles mit Geduld.
Etwas leichter war die Nepzeit, Bauern faßten frischen Mut. Doch dann rief man zur Vereinigung, In Kollektivwirtschaft kam das Gut.
Land, Haus, Vieh wurde enteignet Und Familien verschickt. Nach Sibirien, Norden, Osten, Seufzend schaute man zurück.
Und im März neunhundertdreißig, Ins Archangelsker Gebiet, Sechsunddreißig deutsche Familien Wurden scherzend deportiert.
Nun von Moskau nach Archangelsk, Kamen wir im Urwald an. Station achthundertsechsunddreißig, Ich erinnere mich daran.
Und noch sieben Kilometer Ging es in den Wald hinein. In sehr engen kleinen Hütten Mußte unsere Wohnung sein.
Alle wurden unterdrückt durch Kommandanturaufsicht. Bäume fällen, sägen, roden, Oh, welch eine schwere Pflicht.
Armut, Elend und Entbehrung Brachten Krankheit, Tod hinzu. Gottes Wort war streng verboten, wenn man Leichen trug zur Ruh.
Und für diese Übertretung, Wurden bitter wir bestraft, Onkel Riesen, Harder, Wiebe, In der Sommerzeit verhaft'.
Eine neue Sondersiedlung, Nach zwei Jahren baute man, Auf dem 816. Kilometer, Ganz dicht an der Eisenbahn.
Mit der Zeit gab's eine Schule, Lernen, lernen hieß es doch. Oh, wie schwer, war ´s zu ertragen Und das Halstuch fehlte noch.
Etwas wärmer schien die Sonne Und das Leben rings umher Nach vier armen Hungerjahren War es gar nicht mehr so schwer.
Auch Kartoffeln und Gemüse Deckten reichlich unsern Tisch. Ziegen, Schweine in den Ställen, Auch das Brot war weich und frisch.
Aber wieder Dunkle Zeiten, Auch wir blieben nicht verschont. Acht von unsren lieben Vätern wurden heimlich abgeholt.
Es war Januar fünfunddreißig, Kalter Winter, tiefer Schnee. Einer wurde freigelassen, Doch die sieben welch ein Weh.
Alle sieben auf drei Jahre, Wurden abgerichtet dort. Vier von ihnen überlebten, Drei von ihnen wieder fort.
Immer dunkler, immer dunkler Wurde es an unsrem Ort. Väter, Mütter, Söhne, Töchter Wurden verhaftet ohne Wort.
Zweihundertdreiunddreißig Seelen, Einst so groß war unsre Schar Jetzt am Leben fünfundfünfzig, Nur aus Gnade, wunderbar
In der Sondersiedlung starben Neunundvierzig an der Zahl, Einundachtzig sind verhaftet, Unbeschreiblich ist der Fall.
Einunddreißig sind verschollen, von zweiundzwanzig Nachricht kam, Daß im Lager sie gestorben, Krankheit, Hunger schuld daran.
Achtundzwanzig überlebten, Viele Jahre, Hunger, Not. Hamm Maria siebzehn Jahre, Oft vor Augen war der Tod.
Und der Zweite Weltkrieg brachte Viele Opfer wie viel Schmerz. Aber unsre deutschen Leute, Unertragbar für das Herz.
Ausgesiedelt und vertrieben, Aus der Heimat, aus dem Haus. Tausende auf Wegen starben, Niemand macht sich was daraus.
Und wer noch zurückgeblieben, Kam in die Trudarmee. Über die Kinder kein Erbarmen, Oh, wie tat das Scheiden weh.
Nach Beendigung des Krieges, Oh, wie schaute man uns an. Kommandanturaufsicht am Orte, Noch zehn Jahre unter Bann.
Als wir endlich freigesprochen, Kam das Wandern in Gang. Zu den Freunden, zu Verwandten, Viele suchten neues Land.
Jetzt nach Deutschland ausgewandert, Es ist alles wie im Traum. Unsre Heimat ist dort Droben, Für uns alle ist dort Raum.
Und die vielen Leiden, Schmerzen, Die wir alle durchgemacht. Unser Vater in dem Himmel Hat es alles wohl bedacht.
In Erinnerung soll uns bleiben Alle Leiden, alle Schmerzen, Trugen unsre Väter, Mütter, Fest im Glauben, still im Herzen.
August 1998, Detmold, Jakob J. Klassen (24.11.1922).
|
|